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"Jazz Podium"
Kosmopolit mit lokalen Wurzeln
Karlheinz Miklin

Andreas Felber sprach mit Karlheinz Miklin über das Heimkommen und Fortgehen in einer zunehmend globalisierten Welt.

Mit gar großem Tournee-Tross bereiste Karlheinz Miklin im Oktober anlässlich der obligaten Herbst-Tournee Deutschland und Österreich: Neben seinen alten Freunden des Quinteto Argentina begleitete die KUG Big Band, das Jazzorchester der Grazer Kunstuniversität, den mittlerweile 55-jährigen Saxophonisten, der 2000 nach 18 Jahren die Leitung der dortigen Jazzabteilung zurückgelegt hat. Zeitgleich zur CD "Linda", die diese wichtige Entourage dokumentiert, erschien in diesen Tagen auch die CD-Reissue von "Echoes of Illyria", der 1986 publizerten Trio-LP, rückwirkend die vielleicht aussagekräftigste Vinyl-Arbeit Karlheinz Miklins: In den dunklen, gedeckten Farben und ungewöhnlichen Rhythmen, in den archaischen, kraftvollen Pedalbässen und vor allem in der elegischen Grundstimmung der Musik reflektierte der gebürtige Kärntner hierauf seine Sozialisation im slowenisch-südösterreichischen Grenzland, fernab aller Klischees einer "imaginären Folklore".

"Linda" ist die sechste CD mit dem Trio/Quinteto Argentina. Wie kam es überhaupt zu dieser Zusammenarbeit?

Als ich 1984 auf ein Festival in Argentinien, in Mar del Plata, eingeladen war, hat mich jemand in einen Club mitgenommen. Ich konnte noch ziemlich gut Spanisch aus der Zeit, als ich 1970-73 mit argentinischen Musikern durch europäische Hotels getingelt bin. Ich bin eingestiegen, es hat gleich funktioniert. Zwei Tage später gab´s ein Konzert der gleichen Gruppe in einem legendären Club namens "Jazz y Pop" in Buenos Aires. Ich habe wieder einen Set mitgejammt und sie dann gefragt, ob sie nach Europa kommen wollen. Sie haben "Ja" gesagt. Das war`s. Zwei Monate später habe ich ihnen die Tickets runter geschickt. Ich bin in Graz am Flughafen gestanden und habe nur hoffen können, dass sie jetzt auch aussteigen. Ich habe sie ja praktisch nur von eineinhalb Stunden spielen gekannt! Sie haben auf der Hochschule einen ersten Workshop gegeben, dann sind wir auf unsere erste zweinhalbwöchige Tournee gefahren. Die Frau von Jorge Navarro, dem Pianisten, hat mich später einmal gefragt: "Was hast du dir damals eigentlich gedacht?" Sie haben mir später erzählt, sie hätten nie gedacht, dass daraus tatsächlich was wird. Ich habe da schon ziemlich viel riskiert, was mir aber gar nicht bewusst war.

Sie waren 1985 zum ersten Mal mit der Gruppe in Argentinien. Wie ist sie dort im Vergleich angekommen?

In Österreich war die Reaktion sensationell. Das war der Bonus, den ich schon wegen meines Trios gehabt habe, und dazu erstmals die Argentinier...
In Argentinien waren s i e die Größen. Pocho Lapouble und Jorge Navarro, mit denen ich begonnen habe, sind ja dort mit die bekanntesten Jazzmusiker überhaupt. Die sind einfach im Geschäft gewesen. Zweimal sind wir außerdem in einer sehr populären Fernseh-Show live aufgetreten, danach haben mich viele Leute auf der Straße angesprochen. Auch wenn ich in ein Taxi gestiegen bin, wurde ich immer wieder gefragt: "Entschuldigen Sie, Sie sind Österreicher, nicht?" Auf die Frage, wie ich heiße, habe ich einmal "Karli" gesagt, und "Carlitos" ist geblieben. Jeder Mensch sagt unten "Carlitos" zu mir. Und da ich Spanisch spreche, habe ich mich fast immer selbst angesagt, daher war ich fast einer von ihnen. Mein leichter Anflug von Startum hat sich dann mit den Jahren wieder relativiert, heute bin ich so eine Art "halb-lokaler" Musiker in Argentinien.

Wie sehen Sie die Entwicklung dieser argentinisch-mitteleuropäischen Kooperation im Laufe der nunmehr 17 Jahre?

Allein durch die Umbesetzungen hat sich der Sound immer wieder verändert. Als wir 1986 die LP "Carlitos" aufgenommen haben, habe ich den Conga-Spieler Cacho Tejera kennen gelernt. Als die Gitarre dann noch dazu gekommen ist, ist es elektrischer geworden. Seit 1990 ist statt des Pianisten immer ein Trompeter dabei, dadurch ist wieder eine andere Musik entstanden. Jetzt spielen wir auch oft rockig, was wir am Anfang nie gemacht haben. Meine Partner sind ja keine Latin-Musiker sondern in erster Linie Jazzmusiker. Durch mich haben sie in Europa viel mehr Latin gespielt, als sie üblicherweise spielen würden. Sie gehen mit dieser Musik um, wie wir einen Standard spielen, sehr frei, nicht wie zum Beispiel in der New Yorker Salsa-Szene, wo es nach genaueren Regeln geht. Ich bin anfangs oft hilflos herumgeschwebt und habe unauffällige Chromatiken gespielt, bis ich wieder die Time gefunden habe. Ich habe sehr viel gelernt, über die Bedeutung des Rhythmus, was mir vorher nicht so bewusst war. Die Wertigkeit des Rhythmus steht bei den Amerikanern höher.
Und sie haben auch von mir gelernt. Als die erste Platte rausgekommen ist, "Live At The Treibhaus", und ich sie nach Argentinien mitgenommen habe, hat der Pianist gesagt: "Das ist ja etwas ganz Neues. Wir spielen Latin, aber nicht im üblichen Sinn. Das ist alles irgendwie anders, wir alle spielen anders."

Gibt es ein Lieblingsstück auf der neuen CD?

Nein. Aber ich glaube, dass "Last Minute" u.a. durch den Rhythmuswechsel einfach anders klingt, als vieles, was man so hört. "Dawn" halte ich für ein schönes, "amtliches" Jazzlied, ich habe es schon dreimal aufgenommen, Mark Murphy hat auch einen Text dazu geschrieben.
"Linda" gefällt mir von der Stimmung her, Chuck Israels, der oft bei uns an der Jazzabteilung in Graz war, hat das Big-Band-Arrangement geschrieben. Ich war sehr interessiert daran, dass die Big Band auf der CD erhalten ist, das hat es ja bisher noch nicht gegeben.

Das Flöten-Solo, mit dem "Linda" eingeleitet wird, ist in seiner melancholischen Stimmung ein Brückenschlag zur soeben wiederveröffentlichten Platte "Echoes of Illyria". Für mich klingt dies wie eine Erinnerung an Ihre Kärntner "Roots".

Dies geschah unbewusst, denn ich hatte auch bei "Echoes" kein "Programm". Die darauf veröffentlichten Lieder sind damals einfach gerade entstanden, dass es irgendwie auf eine neue Art zu spielen herauslief, habe ich selbst erst später bemerkt. Ich habe meine Herkunft erst thematisiert, nachdem mir - auch - durch die Musik, die ich zu schreiben und zu spielen begann, die Besonderheit unseres Landstriches und mein doch ziemlich eigener Bezug dazu bewusst wurde. Was sich nicht zufällig mit der damaligen Änderung meiner Ansichten und Gefühle zu meiner heimatlichen Umgebung bzw. meinen beginnenden Erfahrungen in anderen Ländern oder Kontinenten deckte. Ich bin anscheinend durchs "Fortgehen" anders, aber auch bewusster "heimgekommen". Ich habe viel Kärntner Volksmusik gehört und gespielt, merke aber, dass die Gefühlslage der Musik, wie ich sie jetzt spiele, eher der slowenischen Volks- und besonders der Kirchenmusik unserer Gegend entspricht, die ich als herber und weniger sentimental als die deutsche empfinde. Andererseits habe ich selbst kaum je ein slowenisches Lied gesungen, meine Affinität zu dieser Musik hat in diesem Sinn kaum reale Gründe sondern beruht praktisch nur auf Gefühl; da wird wohl der gehörige Anteil slawischen Blutes der Grund dafür sein..

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen der Kooperation mit den Argentiniern und der Bewusstwerdung Ihrer eigenen Wurzeln?

Irgendeinen Bezug wird es schon haben. Ich war damals das erste Mal wirklich "im Inneren" weg, als ich eben 1984 in Argentinien war. Als ich hinkam, war kurz zuvor die Militär-Junta gestürzt worden, und alle Leute sind einen halben Meter über dem Erdboden geschwebt. Man spürte die große Erleichterung, das war eine wunderbare Zeit. Das hat mich in den 14 Tagen, die ich dort war, so gepackt, dass ich große Probleme hatte, wieder "zurück" zu kommen. Ich wollte sofort wieder runterfahren, was leider nicht möglich war. Innerlich bin ich seit damals nie mehr so weit "weg" gewesen, obwohl ich danach etwa auch zweimal in Indien spielte. Als ich damals Anfang der 70er Jahre mit argentinischen Musikern unterwegs war, bin ich damit quasi mit der "Welt" in Berührung gekommen. Da habe ich bemerkt, dass Graz und Klagenfurt nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Und nachdem ich weg war, bin ich ganz "anders" zu meinen Eltern heimgekommen, wurde mir die Landschaft bewusst, bin ich erstmals allein durch die Dörfer spaziert...

Das Trio Sclavis/Texier/Romano macht - oberflächlich betrachtet - vergleichbare Musik wie Sie auf "Echoes of Illyria". Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Ihren Platten und dem Schlagwort der "imaginären Folklore"?

Ich kenne diese Musik praktisch überhaupt nicht, ich habe Sclavis ein einziges Mal vor vielen Jahren gehört und habe keine CD von ihm. Vielleicht sollte ich mich einmal umhören...Bei mir scheint auch ein Teil "imaginär" zu sein, aber in der immer stärker werdenden Beziehung zu meiner sehr individuellen "Folklore", die sich nicht immer an Konkretem, aber doch an Südkärnten festhalten lässt, sind meine Einflüsse wohl auch sehr persönlich und für mich "wirklich".

"Jazz Podium" März 2002

 

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