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"Jazzzeit"
>>Carlitos<<
Persönliche Notizen zum 60. Geburtstag von Karlheinz Miklin und seiner heimlichen Liebe.

Von Otmar Klammer

Vor vielen Jahren begab es sich, dass ich mich in einem Interview mit dem Saxophonisten Karlheinz Miklin - es könnte mein erstes mit ihm gewesen sein - zu der entbehrlichen Frage verstieg, wie er denn im Verlaufe eines Konzertes die Wahl nach dem jeweils stimmigsten Instrument aus der großen Familie seiner Disziplin für den Moment treffe. Wozu man wissen muss, dass Miklin - damals mehr als heute - eine gar hübsche Reihe von Holzblasinstrumenten vor sich auf der Bühne aufgereiht hatte. Miklin war zu jener Zeit, auch das soll man wissen, eine schillernde Figur in der jungen heimischen Jazzszene, und seine Konzerte wurden gestürmt wie man es heute selbst für so manchen internationalen Star nicht mehr erwarten darf. Wie sehr sein Stern damals, als an der Jazzfront zwischen Graz und Wien noch erbitterte Reputationskämpfe geführt wurden, über der noch etwas beschaulicheren österreichischen Jazzlandschaft strahlte, belegt auch seine spätere Wahl zum Jazzmusiker des Jahres 1983 und 1984 durch die Leser des weiland noch rührigen wie konkurrenzlosen, mittlerweile allerdings in Ehren verwichenen Szene-Magazins "Jazz Live".
Das sind auch die ersten nachweisbaren Preise der österreichischen Jazzgeschichte.

Karlheinz Miklin, schon seit jeher firm und unkompliziert im Diskurs mit der Jazzpolizei, dieser Miklin also, der just zu dieser Zeit schon zum Leiter der Jazzabteilung an der damaligen Musikhochschule (und heutigen Kunstuniversität) gewählt wurde, gab mir, einem leidlich in klassischer Gitarre geschulten Bildungsbürger die verblüffende Antwort, dass er selbst nicht wisse, wie ihm dabei auf der Bühne geschehe. Es käme einfach so aus ihm heraus. Das fand ich beeindruckend intuitiv.

Und so verfolgte ich noch jahrelang bei seinen Konzerten diesen Prozess, den ich erst allmählich als die Suche nach einem eigenen Sound begriff. Denn als junger Mensch - und was waren wir alle jung - hatte man damals alles entweder an John Coltrane und seinen Epigonen gemessen oder zwischen Dexter Gordon und Archie Shepp die Stilisten der afroamerikanischen Musik gesucht. An solchen Stellen stößt es mir dann auch immer wieder sauer auf, wenn Jazzfreunde von mir erwarten, Leidenschaft und Berichterstattung unter einen Hut zu bringen. Ich bin doch kein Dichter. Aber ich hab´seinen Sound zu spüren bekommen.
Ob Miklin heute noch weiß, dass er einst nicht wusste - wer weiß. Heute scheint jeder Griff zum Instrument fest entschlossen, fast unumgänglich.

Bald - und wenn ich mich mit diesen Zeilen nicht beeile zu schnell - wird er 60. Und deshalb ersparen wir uns zu erwähnen, was außer bestimmten Preisverteilern im Land ohnehin jeder weiß, der sich den Jazz erkiest hat.

Zum Beispiel, dass "der Miklin" ganze 18 Jahre, länger als alle anderen vor ihm, der Leiter jener Grazer Jazzabteilung war, die als erste europäische Ausbildungsstätte für Jazz auf Hochschulebene (und heute als Kunstuniversität) wirklich Geschichte schrieb. Also so wirklich Geschichte - mit großen Namen, großer Strahlkraft und Legenden. Und als er dann damit begann, die unzähligen Jazzgrößen und Weltmeister, die sich als Dozenten oder Gastprofessoren die Klinke in der Moserhofgasse in die Hand gaben, in vielen denkwürdigen Konzerten mit den Studenten und Absolventen seines Hauses auf eine Bühne zu bringen, glaubte man über dem Ozean sowieso, dass man erst in Graz gewesen sein muss, wenn man im Jazz was sein will. Als "Graz Meeting" war diese Konzept, das heute noch im gleichnamigen Festival weiterlebt, einzigartig, nicht nur in seinem didaktischen Ansinnen. Aber das wissen wir ja - fast - alle. Genauso wie wir wissen, dass unter der Ägide von KHM auch die folgenschwere Geburt der Klasse für Jazz Vocals von sich ging. Mit Starsängerinnen wie Sheila Jordan oder Jay Clayton und Stimmgewalten wie Andy Bey oder Mark Murphy, alle wohnhaft in Graz.

Wissen wir auch, dass diese Aufbauarbeit und das Renommée von Miklin als einer der anerkanntesten Jazzpädagogen, dessen Konzept es ist, kein Konzept zu haben, um die Persönlichkeit eines jeden Musikers mit Akribie aufstöbern zu können, wissen wir also, dass dieser Bleiburger vor drei Jahren in Amerika zum Präsidenten der IASJ gewählt wurde, der International Association of Schools of Jazz, einer weltweiten Vereinigung aller relevanten Jazz-Ausbildungsstätten? Auch das wissen wir, schließlich hat das an dieser Stelle schon einmal wer - vielleicht sogar wir - geschrieben, dass das vor drei Jahren ein kleiner Schritt für ihn, ein großer für die Jazz-Uni in Graz war.

Mag sein, dass ihm all der Einsatz dafür, dem Jazz im allgemeinen Musikunterricht global mehr Bedeutung zu geben, den Preis für eine größere Karriere als einer der wichtigsten europäischen Jazzmusiker und eines formidablen Saxophonisten gekostet hat. Allerdings auch für den unsäglichen Gegenwert, dass er sich als profilierter Spitzenmusiker nichts mehr zu beweisen braucht, dass er sein Ding konsequent exekutieren kann. Seht her, das ist meine Musik! Eine schöne Konzession an sich selbst, die auch sauteuer erstanden ist.

Oder ganz schnell noch, was wir auch alle wissen: Eine gar erkleckliche Reihe heute namhafter Saxophonisten kommt aus der Miklin Schule. Schlag nach bei Kunzler!

Alles andere behalten wir uns jetzt wirklich fürs übernächste Jahr auf, wenn es gilt, das dienstälteste österreichische Jazztrio zu feiern. Ganze dreißig Jahre werden dann nämlich ins Land gezogen sein, dass KHM diese integrative Combo gebar.

Heute rücken wir nun aber einmal damit heraus, was nicht jeder weiß. Dass der gebürtige Volksmusiker, der als Holzbläser ja eigentlich gelernter Autodidakt ist, nämlich in den frühesten Siebzigern einmal eine Affäre hatte, eine Affäre, die ihn nachhaltig emotional binden sollte. Musikalisch wie menschlich. Jahrelang tingelte der Germanistik-, Geschichte- und Musikstudent mit ihr herum und hat dafür sogar seine Dissertation abgebrochen. Und stattdessen Spanisch gelernt. "Los Argentinos" hieß das Verhältnis, eine Show- und Danceband, die gewiss kommerziell zugange war, aber doch die Liebe zur Latin Music im jungen Jazzmusiker wachzuküssen vermochte.

Und spätestens seit 1984 führt KHM als Carlitos ein musikalisches Doppelleben, ist ihm Argentinien eine zweite Heimat geworden. Auch wenn ihm - wie neulich - ein Flieger dorthin gestrichen wird. Aber das ist eine andere Geschichte. Seit 22 Jahren also, und das wissen wir jetzt wieder alle, ist der Paradesaxophonist regelmäßig mit argentinischen Musikern in Südamerika und Europa unterwegs und hat sich damit eine hübsche Diskographie mit großer persönlicher Hingabe erarbeitet. Erst mit dem Trio Argentina, dann mit dem Quarteto und dem Quinteto und sogar im Big Band- Format.

Und nun, zu seinem 60. Geburtstag, leistete sich Miklin wieder einen Flirt mit seiner heimlichen Liebe. Nicht ohne rechtzeitig, spätestens pünktlich zum Start der Europatournee mit dem neu besetzten Quinteto Argentina, dem nur noch Urgestein Pocho Lapouble (drums) als letztes Gründungsmitglied angehört, ein umfangreiches Album (Doppel-CD, eine DVD folgt in Kürze) erlesener Kompositionen und Arrangements aus eigener Feder zusammenzustellen.

"Aniversario" ist so was wie sein ultimatives Glaubensbekenntnis an die Latin Music geworden, eine charismatische Balance aus Sinnlichkeit und Sophistication. Auch als Liebeserklärung an Land und Leute seiner zweiten Heimat zu verstehen.

Wir gratulieren!

"Jazzzeit", September-Oktober 2006

 

 

© karlheinz miklin 2005 - www.miklin.mur.at